Sicherheit

Stewart im Stadion in Südafrika

Machen wir uns nichts vor – die Themen Kriminalität und Sicherheit werden vor dem Turnier in Brasilien in der öffentlichen Debatte einen breiten Raum einnehmen. Und das auch nicht völlig zu Unrecht. Die Kriminalitätsrate insbesondere in den großen Städten ist höher als die in Deutschland. Wie viel davon jedoch betrifft Fußballfans, die das Land als Touristen besuchen? Wichtig ist auch beim Turnier 2014 – ähnlich wie schon in Südafrika oder der EM in Polen und der Ukraine – ein Gleichgewicht zwischen sinnvollen Sicherheitshinweisen und unberechtigter Panikmache zu finden. Auch für Brasilien insgesamt und die großen Städte im Besonderen gilt, dass ihr selbst durch euer Verhalten einen gewissen Einfluss auf eure persönliche Sicherheit habt. Auch wenn sie selbstverständlich keinen garantierten Schutz vor Diebstählen oder Übergriffen geben, wollen wir euch dennoch ein paar Hinweise zu sinnvollem bzw. unnötig leichtsinnigem Verhalten geben. Umrahmen wollen wir das Ganze mit einem Text unseres Brasilienexperten Martin Hein, der seit 1983 privat wie beruflich jedes Jahr mehrere Monate in Brasilien verbringt

Polizei während einer Demonstration
Foto: Martin Curi

Aufpassen und anpassen, aber ohne Panik

Meine Familie in Brasilien, Freunde und Bekannte erklären mich für verrückt, weil ich seit 30 Jahren mit Bargeld durch die Straßen laufe. Mein Gegenargument: Ich hatte nie Probleme, kein kleiner Diebstahl, kein böser Überfall, nichts! Da ich kein teures Handy habe, nur eine billige Uhr und auch keine Kreditkarte mitnehme, ist das Bargeld eine Versicherung, wenn ich wirklich einmal überfallen werde. Dann möchte ich nämlich ohne Theater Geld rausrücken können – kein Gangster glaubt einem Gringo, dass nichts zu holen ist. Kreditkarten scheue ich auf der Straße, weil man dann zum nächsten Geldautomaten entführt werden könnte, damit das Konto geleert wird. Aus diesen Gründen vermeide ich es auch, Bares in größeren Summen an Geldautomaten oder in der Bank zu holen. Immer wieder hört und liest man, dass die Leute dabei beobachtet und dann verfolgt und ausgeraubt werden. Die Real, die ich mit auf die Straße nehme, sind für die unterschiedlichen Gelegenheiten gestückelt – eine Dose Guaraná bezahle ich nicht mit einem Hunderter.

In den 30 Jahren bin ich nie auf der Straße angegangen worden. Allerdings gehe ich auch nicht dorthin, wo ich nichts zu suchen habe. Kein Favela-Tourismus! Wenn ich Favelas aufsuche, dann, weil ich jemanden besuchen möchte – der mich dann tunlichst in der Nachbarschaft bekannt macht. Man beklaut halt schnell mal einen Gringo, aber nicht den Freund von Onkel José. Dementsprechend verhalte ich mich auch in der eigenen Nachbarschaft, zu der ich intensiven persönlichen Kontakt pflege. Ich achte darauf, wer vor der Tür, in der Straße rumläuft, gehört er dazu, verhält er sich auffällig? Der beste Schutz gegen Kriminalität in Brasilien ist funktionierende Nachbarschaft. Daher erkundige ich mich auch nach den Orten, die ich nicht kenne, aber besuchen will.

Vom Münchner Liedermacher Konstantin Wecker stammt der schöne Spruch: Nicht auffallen, dann kannst du nicht reinfallen. Den beherzige ich: Ich kleide mich landestypisch und dem Anlass entsprechend. Meine Frau trägt keinen teuren Schmuck. Für die kleinen Transporte, etwa eine Kamera, benutze ich wie alle einen kleinen Rucksack, den ich auf der Brust trage. An Orten mit viel Gedränge (Karneval, Volksfeste, Busbahnhöfe, Stadien) behalte ich mein Umfeld im Blick – so wie auf Reisen mein Gepäck.

Nicht den Helden spielen

Ich bin auch kein Freund der überfüllten Busse, der Geißel Brasiliens namens Nahverkehr. Zumal Busse, selbst Überlandbusse, auch ganz gern einmal überfallen werden. Ebenso Autos, wenn sie etwa nachts an der Ampel halten müssen. Sollte mir so etwas nach 30 Jahren doch einmal passieren, habe ich mir geschworen: Nicht den Macho spielen, nicht hinterherlaufen, nicht allzu lange ärgern. Gerne leiste ich mir ein Taxi, die Fahrer vermitteln das Gefühl, dass sie auch für mich ein Stück Verantwortung übernehmen. Insbesondere dann, wenn man Stammkunde eines Fahrers wird. Dann winken Sonderpreise, plus Sicherheit, plus Schnelligkeit – wunderbar. Ein Beispiel für alltägliche Taxifahrer-Verantwortung: Sie warten, bis ihr Gast im Haus verschwunden ist. Im Vergleich zu Deutschland sind Taxis deutlich günstiger.

Vorsichtig bin ich (und die Brasilianer), wenn es um die andere Seite der Sicherheit, die Militärpolizei geht. Allein das Auftreten bei einem „Blitz“, den Straßenverkehrskontrollen, beleidigt mein staatsbürgerliches Empfinden. Autoritätsanmaßend, breitbeinig Gewaltbereitschaft ausströmend, natürlich mit allerlei Knarren bewaffnet – so treten sie auf. Dann zeige ich brav meine Dokumente und schlucke meinen Ärger runter, da ich ahne, dass sie nur auf ein falsches Wort, eine Geste warten. Bei solchen Gebärden gegenüber den eigenen Bürgern wundert es mich nicht, dass die Polizei von so manchem als Gegner angesehen wird – nicht nur von Gangstern. Der Korpsgeist der schlecht bezahlten und schlecht ausgebildeten Militärpolizei wurzelt noch tief in den Jahren der Militärdiktatur. Bei den in Juni 2013 begonnen Massendemonstrationen wurde schnell Tränengas eingesetzt, berittene Polizei stürmte die Menschenmengen. Bei den Einsätzen gegen die Drogenbanden wird auch schnell zur Waffe gegriffen. Nach Zahlen von Human Rights Watch kam 2008 in Rio de Janeiro auf 23 Festnahmen bei gewaltsamen Konfrontationen ein tödlicher Schusswaffeneinsatz eines Polizisten. Zum Vergleich: Im gleichen Jahr gab es in den USA einen Todesfall bei 37.000 gewaltsamen Polizeieinsätzen. Nun sollte man berücksichtigen – privater Waffenbesitz ist in Brasilien erlaubt, es sind unendlich viele Waffen unterwegs, geschossen wird von allen Seiten schnell.

Straße mit Absperrungsgittern
Foto: Martin Curi

Mehr organisierte Kriminalität

In den 1980er- und 1990er-Jahren gab es in Brasilien viel spontanen Straßenraub, der ist jedoch deutlich weniger geworden, obwohl einem auch heute noch das iPhone oder die Tasche aus der Hand gerissen werden kann. Gewachsen ist hingegen die organisierte Kriminalität, wie sie sich etwa in Gangsterbanden wie dem „Comando Vermelho“ zeigt. Meldungen der internationalen Presse, nach denen in Rio de Janeiro im August 2013 die Zahl der Morde gegenüber dem Vorjahr um 38 Prozent, die Zahl der Raubüberfälle um 82 Prozent und die Zahl der Straßendiebstähle um 37 Prozent zugenommen habe, beurteile ich mit Vorsicht. Der weitaus größte Teil dieser Gewaltdelikte geht darauf zurück, dass die Drogenbanden in Rio de Janeiro aus den stadtnahen Favelas vertrieben wurden und sich in die nördlichen und westlichen Vorstädte zurückgezogen haben und dort mit Gewalt ihre Territorien abstecken.

Kriminalität ist eines der großen Themen unter den Brasilianern, zumal die Medien ausführlich berichten. Es hat sich ein gewisser nationaler Verfolgungswahn heraus gebildet. Brasilianer, die einige Zeit in Deutschland leben, heben unter den positiven Eindrücken an erster Stelle oft das Sicherheitsgefühl hervor. Brasilien ist aber per se kein gewalttätiges Land, Brasilianer sind in ihrer überwiegenden Mehrzahl äußerst friedfertig. Schlägereien, wie sie auf jedem deutschen Jahrmarkt üblich sind, habe ich in 30 Jahren nur wenige gesehen. Wer etwas aufpasst, sich anpasst und als gefährlich geltende Gegenden meidet, ist auf der sicheren Seite.

Verhaltenstipps und Hinweise

  • Kriminalität ist auch zu einem großen Teil abhängig von der ökonomischen Situation der Gesellschaft, der Schere zwischen Arm und Reich. Ihr solltet im Kopf behalten, dass ihr als Besucher aus Deutschland im Vergleich zu vielen Menschen in Brasilien zu den Reichen gehört.
  • Schickes Smartphone oder iPad dabei? Schön, aber damit nicht unbedingt auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln herumhantieren. Gleiches gilt für euren Diamantschmuck oder die teuren Rolex-Uhren (und selbst die Imitate).
  • Laptops und Kameras nicht in der dazugehörigen Tasche, sondern in einem Rucksack transportieren.
  • In der Öffentlichkeit nicht unnötig mit großen Geldscheinen hantieren und bezahlen, wenn’s auch Kleingeld tut.
  • In Großstädten, insbesondere in Rio, sind die Zentren am Wochenende oder nach Geschäftsschluss unbelebt. Dort, wo sich sonst niemand aufhält, solltet ihr das auch nicht unbedingt tun. Auch vor Überfällen nach Einbruch der Dunkelheit an der Copacabana wird gewarnt.
  • In Verbindung mit Prostitution kommt es ebenfalls häufiger zu Diebstählen, Raub usw. Auch von mit Drogen versetzten Getränken wird berichtet.
  • Einen Favela-Besuch solltet ihr nur in Begleitung Ortskundiger in Erwägung ziehen.

Zu den Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes geht es hier.