04.07.2014

Wie ist es eigentlich im Stadion?

Stadion Porto Alegre

Nicht alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der KOS sind unterwegs in Brasilien, um vor Ort die deutschen Fans mit Service und Infos zu versorgen. Die Daheimgebliebenen fragen sich beim WM-Schauen im Fernsehen häufiger: Wie geht es für die Fans im Stadion wirklich zu?

Die Zeitungen sind zwar voll mit Fußball und auch witzigen oder mal geistreichen Erörterungen – fast jeder Journalist, der bei der WM ist, schreibt etwas über seine Erlebnisse mit Bussen, Hunden, der Fähre zum deutschen Camp, Hotels und hilfsbereiten Einheimischen, aber über die Bedingungen aus der Sicht eines Fußballfans, Stadionbesuchers oder einfachen WM-Reisenden erfährt man von der Pressetribüne aus relativ wenig. Dass hier im Argen liegt, wurde nur angedeutet über die Artikel zum Abhängen der Fahnen deutscher Fans, das rigorose Vorgehen der Ordner im Stadion sowie die doppelzüngige Informationspolitik der FIFA.

Insgesamt scheint aber eher große Unwissenheit zu herrschen über all die Dinge, die den ganz normalen Fußballfan- bzw. Fußballreisenden interessiert. Rund um das Achtelfinalspiel gegen Algerien sendete das ZDF in der Vorberichterstattung einen „Fanbeitrag“. Der drehte sich um ein paar deutsche Fans, die ohne Tickets angereist waren und dann Glück hatten und für den Originalpreis noch Tickets auf dem Schwarzmarkt bekamen. Mehr erfuhr man auch als emsiger Fernsehzuschauer leider nicht, dafür gibt es in Deutschland Liveschaltungen, wenn der deutsche Mannschaftsbus über schwach beleuchtete Straßen fährt oder Neuner-Busse mit unseren Jungs zum Training fahren – sehr informativ.

Fanthemen sind Nebensache

Beispielsweise hätte man mal gerne einen Bericht über das von der Stadt Porto Alegre organisierte Fanfest und den gemeinsamen bunten Marsch zum Stadion gesehen – doch Fehlanzeige. Dabei lassen die Fotos unschwer erkennen, dass dies keine kleine Veranstaltung war. Fehlanzeige auch in Sachen Berichterstattung, was die Bedingungen in den Stadien angeht. Keine Infos über konkrete Eintrittspreise, Verpflegung im Stadion, Sicherheit, Einlass – immerhin erfahren wir quasi standardmäßig in jedem Vorbericht die Bausumme des jeweiligen Stadions und ob es einen Fußballverein gibt, der nach der WM diesen gigantischen Bau überhaupt nutzen wird.

Umso besser, dass die KOS in Frankfurt der Brief eines WM-Reisenden erreicht, der sich einmal anderen Fragen widmet und zwar aus der Sicht desjenigen, der es auch erlebt hat. Sicherlich eine subjektive Darstellung, aber gilt das nicht für alle Berichte, egal in welchem Medium?

Hallo miteinander,

nachdem ich nun vier Spiele der deutschen Elf live vor Ort erlebt habe, möchte ich euch gerne mal ein paar Eindrücke schildern. Vorweg: Für Fußballfans ist es im Stadion schwer zu ertragen.

Wie geht es zum Stadion?

Je nach Austragungsort war der Weg zum Stadion unterschiedlich attraktiv. Großartig in Salvador, weil fußläufig erreichbar und gut ausgeschildert. Ebenfalls sehr gut in Porto Alegre, wo die Stadt den Fußweg „Camhinho de Gol“, der immerhin 4,5 km lang war, sehr attraktiv gestaltet hat und es dann kurzfristig sogar ermöglicht hat, dass sich die deutschen Fans gemeinsam auf den Weg machen. In Fortaleza war es schon deutlich komplizierter und in Recife chaotisch. Das lag zum einen an der Lage des Stadions 30 Kilometer außerhalb der Stadt und an den apokalyptischen Regengüssen während des gesamten Tages. Nicht wenige Fans kamen zu spät oder überhaupt nicht ins Stadion, was man an den Lücken im Stadion auch gut erkennen konnte.

Der öffentliche Nahverkehr scheint mir nur mäßig ausgebaut zu sein. Er besteht überwiegend aus Bussen, deren Fahrplan für Ausländer jedoch ziemlich schwer zu durchschauen ist. Selbst für Brasilianer/innen ist es nicht immer ganz einfach. Die im Vorfeld der WM angekündigten Schnellbusse, die die Fahrt zu den Stadien verkürzen sollten, habe ich so gut wie nicht gesehen.

Am Stadion angekommen, weisen einem unzählige Volunteers den Weg, eine wirkliche Ausschilderung – „Signing“ in Neudeutsch – ist nicht unbedingt wahrnehmbar. Englisch spricht so gut wie niemand. Die Volunteers und die Ordner machen im Umgang mit den Besucher/innen den Eindruck, als wären sie eine von der FIFA konstruierte und programmierte Armee von Robotern. Absolut unflexibel, unfähig zu kommunizieren oder eigenständig zu agieren, setzen sie die Vorgaben der FIFA um, seien diese auch noch so unsinnig.

Schirme verboten

Zum Beispiel Porto Alegre: Dort wurden wo die Besucher/innen gezielt animiert, den Weg zum Stadion zu Fuß zurückzulegen. Da es auch hier öfter regnete, nahmen viele natürlich Schirme mit zum Stadion. Diese mussten jedoch am Stadioneingang – aus welchen Gründen auch immer – abgegeben werden. Wenn man nach dem Spiel seinen Schirm wieder abholen wollte, waren die Ordner total verdutzt und suchten dann pro forma in den nahegelegenen Mülltonnen, obwohl allen klar war, dass die Schirme schon lange nicht mehr da waren. Ebenso unsinnig ist das Verbot, Kugelschreiber mit in die Stadien zu nehmen, diese verschwanden ebenfalls auf Nimmerwiedersehen. Zu gerne würde man mal nach den Hintergründen für diese Vorgaben fragen. Fakt ist, wenn es nach der FIFA geht, soll man sich vollregnen lassen und wenn man das nicht will, bekommt man am Stadion den Schirm gestohlen.

Worauf die Männer und Frauen des Ordnungsdienstes in den Stadien ebenfalls mit Argusaugen achten: Es dürfen keine Fahnen hängen, da sind sie rigoros und holen gerne die Polizei zu Hilfe. Aber auch in Porto Alegre haben sie am Ende aufgegeben, und viele Fahnen und Banner blieben hängen. Desweiteren achten die  Ordner ganz akribisch darauf, dass sich keiner – außer zur La-Ola-Welle – von seinem Platz erhebt und dass niemand raucht. Da sind sie wirklich sehr streng und konsequent. Aber selbst viele Nichtraucher finden es irgendwie absurd, dass bei einer Open-Air-Veranstaltung versucht wird, ein Rauchverbot durchzusetzen und dann auch noch mit dieser absoluten Verbissenheit.

Was gibt’s zu trinken und wie wird man das wieder los?

Die Verpflegung besteht aus den ewiggleichen normierten Produkten der ewiggleichen Werbepartner der FIFA, ist dementsprechend langweilig und beispielsweise für Vegetarier eine Katastrophe. Gab es nicht die Ankündigung, dass man landestypische Verpflegung anbieten wollte? Jedenfalls, nichts zu sehen davon!
Oft ist es auch noch so, dass nur Teile der Angebotspalette vorhanden sind. Den einfachen Cheeseburger habe ich zumindest noch nirgends gesehen, nur den teureren Doppelcheeseburger. Eine schöne Idee ist jedoch, dass die pfandfreien Becher, in denen die Getränke ausgeschenkt werden, durch die Fahnen der sich auf dem Rasen gegenüberstehenden Teams in der Vorrunde einen persönlichen Erinnerungswert gewinnen. Viele Fans haben mindestens einen Becher mit nach Hause genommen.

Das Personal an den Ständen ist, sagen wir mal, suboptimal auf den Andrang eingestellt. Für die Brasilienkenner ist das aber keine Überraschung, denn auch im Alltag ist vieles kompliziert und bürokratisch organisiert und, man muss es so deutlich sagen, funktioniert oft nicht. Wenn man es gewohnt ist, schnell und effektiv bedient zu werden, dann fällt die Umstellung auf die brasilianische Art für viele schwer. Geduld ist somit eine gefragte Eigenschaft.

Auch für den Toilettengang werden Volunteers abgestellt, die den Einlass regeln, natürlich ohne genau sehen zu können, wie die Situation in den „Sanitarios“ aussieht. So kann es passieren, dass sich vor den Toiletten lange Schlangen bilden und wenn man dann dran kommt, feststellt, dass die Toilette höchstens zur Hälfte gefüllt ist. Aber Hauptsache wieder ein neuer Bereich, der nach FIFA-Vorgaben organisiert und reglementiert wird.

Wie wird das Spiel präsentiert?

Auch hier ist der Ablauf vollständig normiert, ohne jeglichen Pep und in jedem Stadion bis auf die Nationalhymnen gleich. Die Mannschaftsaufstellungen werden mindestens eine halbe Stunde vor Spielbeginn bekannt gegeben, sodass ein großer Teil der Zuschauer keine Chance mehr hat,  zu erfahren, wie der Gegner spielt. Die FIFA verzichtet bekanntlich auf Spielprogramme, in die man wenigstens die jeweiligen Kader mit Rückennummern aufnehmen könnte. Zum Glück gibt es HELMUT, das Fanzine der Fanbetreuung, in dem Fußballinteressierten erfahren können, wie beispielsweise die spielstarke Nummer 11 der Algerier heißt.
Während des Spiels wird die Partie gleichzeitig auf den Anzeigetafeln gezeigt. Wie im TV schwenken in den Unterbrechungspausen die Kameras ins Publikum, mit Vorliebe auf Kinder und junge attraktive Frauen, die dann anfangen aufzuspringen, zu winken und zu jubeln, auch wenn ihr Team gerade das 0:3 kassiert hat.

Den Eindruck, dass die FIFA im Grunde kein Interesse am Fußball als Sport hat – Stichwort Katar – gewinnt man somit auch während der WM genau dort, wo es um den Sport gehen sollte. In die Stadien kommen immer weniger wirkliche Fans, sondern Menschen, für die es augenscheinlich nur interessant ist, an diesem aufgepumpten Event teilzunehmen. Wie ist es sonst zu erklären, dass selbst bei den langweiligsten Spielen spätestens in der 20. Minute die La Ola durch das Stadion schwappt. Solcherlei Effekte werden gezielt durch die Kartenverteilpolitik der FIFA befeuert. Um überhaupt die Chance, ein WM-Spiel live sehen zu können, zu nutzen, bieten Millionen Menschen schon in der ersten Verkaufsphase auf die zur Verfügung stehenden Tickets. Zu einem Zeitpunkt also, zu dem noch nicht einmal feststeht, wer in diesem Stadion überhaupt antreten wird. Das ist ungefähr so, als würde man ein Ticket für die Frankfurter Festhalle kaufen und weiß nicht, ob die Wildecker Herzbuben oder AC/DC auftreten. Ein Puzzleteil von mehreren, das am Ende dazu beiträgt, dass erstens viele Karten in die Hände von Menschen geraten, die dieses Spiel nicht unbedingt sehen wollen und deren Tickets dann später wieder auf dem Schwarzmarkt landen, der dann – Treppenwitz – vor Ort von FIFA und Justiz gnadenlos verfolgt wird. Und zweitens trägt dieses System dazu bei, dass die Fans einer Mannschaft verstreut im Stadion sitzen, wie auch in Brasilien wieder zu beobachten ist. Wenn die fünf kleineren algerischen Blöcke und die vielen verstreut sitzenden deutschen Fans sich jeweils in einem Block hinter den Toren hätten versammeln können, wäre bestimmt eine fantastische Fußballstimmung in diesem am Schluss hochspannenden Spiel entstanden. So kam nur vereinzelt eine richtig prickelnde Fußballatmosphäre auf.

Aber genau das scheint das Interesse der FIFA zu sein: vereinzelte Kunden im Stadion, die brav konsumieren, willig die Welle mitmachen und sich im Übrigen kritiklos den ganzen Zumutungen fügen.

So schön und interessant ich es in Brasilien finde, mit den vielen liebenswerten und improvisationsfreudigen Gastgebern, so interessant und leidenschaftlich auch die sportlichen Leistungen der Mannschaften sind – das Stadionerlebnis törnt mich im Grund wirklich ab.

Beste Grüße aus Brasilien

Euer Toni aus Frankfurt