05.07.2014

Aus der Heimat Ja, wo laufen sie denn?

Im Satdion, mit einigen leeren Plätzen

Habt ihr das auch schon bemerkt, dieses Gewusel auf den Rängen? Zum Anpfiff sind die Plätze in bester Kameraperspektive nie voll besetzt. Erkennbar viele Nachzügler kommen erst später, und trotzdem klaffen dann immer noch Lücken in den Reihen, die zumindest bei Spielen ohne argentinische und brasilianische Beteiligung beträchtlich sind. Beim Achtelfinalspiel Niederlande gegen Mexiko etwa waren es richtig viele, rechts hinter dem Tor aus der TV-Perspektive blieben ganze Blöcke frei. Wo sind diese Leute? An falschen Bushaltestellen ausgesetzt? Auf dem Schwarzmarkt verspekuliert?

Doch das ist noch nicht alles: Lange vor der Halbzeitpause gibt es ein ständiges Hin und Her, Leute gehen, Leute kommen, Ordner zeigen den Weg. Sind die WCs so klein dimensioniert in den 200-Euro-Millionen-Arenen, dass man besser vor der Pause geht? Sind die besten Plätze vor den Toilettenspiegeln immer besetzt, weil TV-tauglich die bunte Maskerade nachgearbeitet werden muss? Vielleicht ist auch ein sensationelles Speiseangebot im Umlauf, das uns bisher von euch Brasilien-Reisenden verschwiegen wurde. Das könnte jedenfalls die Erklärung dafür sein, dass es nach der Halbzeitpause sicher an die 15 Minuten braucht, bis die Plätze auf den meisten Gegengeraden auch nur annähernd wieder besetzt sind. In der angesprochenen Achtelfinalbegegnung blieben in Hälfte zwei ganze Sitzreihen frei, die zumindest zu einem Großteil in der ersten Halbzeit noch besetzt waren. Sogar ARD-Reporter Tom Bartels fing an, sich Sorgen zu machen. Seine Erklärung: Die Zuschauer hätten sich wegen der sengenden Sonne („Eine Viertelstunde schaffen Sie hier ohne Sonnenschutz. Dann ist der Sonnenbrand da.“) in den oberen Bereich des Stadions verzogen. Wir stellen uns vor, wie dort enger zusammengerückt wird … es scheint doch ganz locker zuzugehen bei der FIFA-WM.

Ein Schrei in der Nacht

Das war ein Achtelfinale! Hunderttausende von Regen durchnässt auf den Fanmeilen, aber letztlich glücklich. Und das kollektive Aufschreien vor den Fernsehgeräten, das nach dem 1:0 von Schürrle durch jeden Ort hallte und manch wildes Hundegebell auslöste. Wenige Stunden nach dem vogelwilden Achtelfinale gegen Algerien waren wir alle so müde, als hätten wir selbst gekickt. Erschöpfte Ruhe in den Schulbussen, gemächlicher Betrieb in den U- und S-Bahnen, Deutschland schnauft durch und diskutiert. Alles steht auf einmal auf dem Prüfstand: die Abwehr trotz tollem Libero dahinter (Neuer), wo Philip Lahm spielen sollte, was sich im Mittelfeld tut und ob wir mehr Stürmer brauchen, die sich auf den Strafraum fokussieren … 80 Millionen Bundestrainer und -trainerinnen sorgen sich um das spielerische Niveau, ob es so gegen Frankreich reicht und überhaupt. Ich mache mir eigentlich keine Sorgen. Wer diese motivierten algerischen Kraftpakete niederringt, der wird auch gegen die französischen Künstler klarkommen. Jogi Löw sollte Recht behalten, dass man bei einer WM einfach jeden Gegner zu respektieren hat. Mir ist das Team durch diesen aufopferungsvollen und phasenweise durchaus eher unorthodoxen Auftritt ans Herz gewachsen. Das kann daran liegen, dass ich als Anhänger eines vom Schicksal gebeutelten Viertligisten ohnehin mehr auf die authentische Leidenschaft als auf die hohe Fußballkunst setze.

Mein Interviewliebling ist ganz klar Per Mertesacker, der kurz nach dem Spiel verdeutlichte, dass unter den 16 Achtelfinalisten keine „Karnevalstruppe“ sei. Sein Motto: „Ich lege mich jetzt erst mal drei Tage in die Eistonne, dann analysieren wir das Spiel, und dann sehen wir weiter!“ Mangels Eistonne zu Hause gehe ich nun erst einmal Nervennahrung aus der heimischen Bäckerei besorgen: Den Viertelfinalkuchen, wahlweise mit Brombeeren oder dunklen Süßkirschen, Erdbeeren und Pfirsichen!

KOS-Mitarbeiter Volker Goll verfolgt die WM für uns und euch von zu Hause.