15.08.2014

Die Copa aller Copas?

Im Maracana während des Abschluss Feuerwerks

Fazit der KOS zur Fanbetreuung bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien

Fast fünf Wochen Brasilien, sieben Spiele, sechs Städte und nicht zu zählende Reisekilometer – das war die Weltmeisterschaft 2014 für das Fanbetreuungsteam. Hinter den nüchternen Zahlen stehen ein Weltmeistertitel für die deutsche Mannschaft, viele positive und einige negative Eindrücke. Unser WM-Fazit.

Sportlich war die WM 2014 in Brasilien für die Fans der deutschen Nationalmannschaft ein absoluter Höhepunkt. Nach 24 Jahren Wartezeit wieder Weltmeister zu werden – am 13.Juli 2014 erfüllte sich für viele ein langgehegter Traum. Doch wie waren die Aufenthaltsbedingungen vor Ort? Wie waren die Spiele organsiert? Und war Brasilien wirklich so gefährlich, wie im Vorfeld berichtet wurde? Diese Fragen und noch einige mehr sollen im folgenden Fazit der Koordinationsstelle Fanprojekte beantwortet werden, die in einer engen Zusammenarbeit mit den deutschen Auslandsvertretungen in Brasilien und dem Deutschen Fußball-Bund die Fanbetreuung für die reisenden Fans aus Deutschland organisierte.

Das Konzept

Das während vieler Turniere erprobte Konzept sah auch 2014 wieder vor, gerade die reisenden Fans möglichst früh mit allen relevanten Informationen zu versorgen. Die Website www.fanguide-wm2014.de  ging am Tag der Auslosung im Dezember 2013 online und versammelte alle relevanten Informationen über Turnier, Land und Leute. Zusätzlich war die Fanbetreuung ab Dezember 2013 auch bei Facebook und später ebenfalls bei Twitter @Fanzine_Helmut aktiv. Die Social-Media-Kanäle gewannen insbesondere während des Turniers an Bedeutung, weil auf diesem Weg schnell aktuelle Informationen an die Fans gestreut werden konnten und sich das Angebot – die Likes und Shares zeigten – einer großen Beliebtheit erfreute.

Fans lesen HELMUT

Vor Ort wurden Website und Social Media durch die Fanzeitung HELMUT ergänzt. Das beliebte Fanzine erschien zu jedem Spiel der deutschen Mannschaft – in Brasilien von der Nummer 16 für das Auftaktspiel der deutschen Elf gegen Portugal bis zur Nummer 22 zum Finale gegen Argentinien herausgegeben wurde. HELMUT erschien in einer Auflage von 2.000 Exemplaren und wurde jeweils in Druckereien vor Ort gedruckt. Der gesamte Prozess war eine große logistische und journalistische Meisterleistung, insbesondere ab dem Achtelfinale, weil ab diesem Zeitpunkt Gegner, mitunter auch Spielort und Stadion erst nach dem Spiel feststanden. Dies bedeutete für die Redaktion, dass Texte mitunter doppelt und dreifach vorbereitet und geschrieben werden mussten, um noch rechtzeitig in Druck zu gehen. Für die Publikationen und Webaktivitäten war eine kleine Redaktion zuständig, die aus Nicole Selmer (Hamburg; Redaktion Web und HELMUT, Texte), Stefan Diener (Düsseldorf; Texte, Facebook und Twitter, Fotos) und Ingo Thiel aus Frankfurt bestand, der für Layout, Druckabwicklung und Fotos verantwortlich zeichnete.

Wie schon bei der WM 2010 in Südafrika und der Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine wurde HELMUT auch in Brasilien von den deutschen Fans begeistert aufgenommen. Der Mix aus Informationen zu Stadt und Stadion, zum sportlichen Verlauf des Turniers und Impressionen aus der Heimat traf eindeutig das Interesse der Fans.

HELMUT war ein perfektes Medium, um mit den deutschen Fans ins Gespräch zu kommen, denn das Team der Fanbetreuung verteilte die 2.000 Hefte an der mobilen Fanbotschaft persönlich an die Fans. Dies konnte gelingen, weil alle Städte hervorragende Plätze im öffentlichen Raum zur Verfügung stellten. Von der Praça da Se im historischen Stadtkern von Salvador über den Mercado Publico in Porto Alegre bis hin zur Copacabana unterstreicht diese Auswahl die hohe Bedeutung, die die Austragungsorte der Fanbetreuung zuwiesen, aber auch die außergewöhnlich gute Unterstützung durch alle Städte. Besonders hervorzuheben ist an dieser Stelle die Stadt Porto Alegre, die für das Achtelfinale gegen Algerien in Absprache mit der Fanbetreuung am zentralen Mercado Publico ein (Oktober-)Fest und anschließend einen gemeinsamen Marsch mit Musikbegleitung für die deutschen Fans zum Stadion organisierte.

Das Team der mobilen Fanbotschaft

Fanbetreuung vor Ort

Die Fanbotschaft begann ihren Service immer einen Tag vor dem Spiel, war natürlich am Spieltag für die Fans da und auch am Tag nach dem Spiel noch vor Ort. So war das Team potenziell für Fans erreichbar, wenn diesen in der Nacht etwas zugestoßen wäre.

Das Team der Fanbetreuung bestand aus fünf Fanbetreuer/innen: Michael Aschmann vom Fanprojekt Osnabrück, Corinna Braun vom Fanprojekt Hoffenheim, Markus Mau vom Schalker Fanprojekt und Stefan Roggenthin vom Fanprojekt Magdeburg wurden von Ralph Klenk, dem Fanbeauftragten des VfB Stuttgart, ergänzt. Damit bestand das Fanbetreuungsteam erstmals aus Vertreter/innen der beiden Systeme der Fanbetreuung in Deutschland. Dieses Team stand den deutschen Fans während der gesamten fünf Wochen als persönliche Ansprechpartner zur Verfügung – ein Aspekt, der aus unserer Perspektive keinesfalls unterschätzt werden darf. Die Botschaft „Es kümmert sich jemand um uns“ trägt nicht nur zur Verhaltenssicherheit der reisenden Fans bei, sondern sorgt auch als Signal der Gastfreundschaft für eine entspannte Atmosphäre.

Die Partner

Als Übersetzer, Local Guide, Fußball- und Fanexperte stand dem Fanbetreuungsteam Martin Curi, der seit 12 Jahren in Brasilien lebt, forscht und an der Universität in Rio de Janeiro Kulturanthropologie lehrt, zur Seite. Ob es die Kontakte und die Vermittlung zu den jeweiligen Druckereien waren, seine umfassenden Kenntnisse zu allen Austragungsorten oder sein Wissen um die kulinarischen Feinheiten jeder Stadt und Region – keine Ahnung, wie wir es ohne ihn hinbekommen hätten.

Deutsche Fans an der mobilen fanbotschaft
Die mobile Fanbotschaft in Fortaleza

Die gesamte Maßnahme fand in einer engen Kooperation mit dem Deutschen Fußball-Bund, der Deutschen Botschaft in Brasilia und den weiteren Auslandsvertretungen in Brasilien statt.  Mit Martina Hackelberg von der Botschaft in Brasilia, Ulla Koos vom Generalkonsulat in Rio und Gerson Fuchs vom „Deutschlandzentrum“ der Botschaft Brasilia unterstützten drei Mitarbeiter/innen das Fanbetreuungsteam über die gesamten fünf Wochen und wurden in den Spielorten zusätzlich noch von Ortskräften ergänzt. Die Zusammenarbeit mit dem Team der Fanbetreuung war hervorragend und von hoher Professionalität gekennzeichnet. Für den DFB koordinierte Gerald von Gorrissen als Teammitglied die Maßnahme, kümmerte sich um Reise- und Unterkunftslogistik, bereitete die Spiele mit umfassenden Infos zu Stadion und Anreise vor, die auch den Fans zur Verfügung gestellt wurde, und stand im Stadion als Ansprechpartner zur Verfügung. So konnten nahezu alle Bedürfnisse der Fans bedient werden.

Insgesamt besuchten zwischen jeweils 5.000 und 8.000 aus Deutschland angereiste Fans die Spiele der Nationalmannschaft. Damit war das Interesse deutlich höher als 2010 in Südafrika. Neben Fans, die bei Reiseagenturen gebucht hatten, waren auch sehr viele individualreisende Einzelpersonen, Paare und Kleingruppen über mehrere Wochen in Brasilien unterwegs. Nach den Rückmeldungen an der Fanbotschaft zu schließen, hat die weit überwiegende Mehrheit die WM in Brasilien genossen und die Brasilianerinnen und Brasilianer als freundliche Gastgeber erlebt. Diese Freundlichkeit und der ausgeprägte Wille zu helfen trugen dazu bei, dass auch Situationen, in denen es mal nicht so reibungslos funktionierte, dank des „jeito brasileiro“, des brasilianischen Drehs, dennoch zu aller Zufriedenheit gelöst werden konnten.

Fans mit der Polizei

Sicherheit

Vor der WM ist sehr viel über die angespannte Sicherheitslage in Brasilien berichtet worden. Eine Reihe von deutschen Fans wurde auch Opfer von Überfällen oder Trickdieben. Soweit uns bekannt ist, wurde jedoch niemand körperlich geschädigt. Die Zahl der Opfer bewegte sich aber in einem Rahmen der für Brasilien als statistisch unterdurchschnittlich zu klassifizieren ist.

Ein wichtiges Ziel unserer Maßnahme war es, die reisenden Fans mit Informationen über den Fußball hinaus zu versorgen, die ihnen Lust auf das Land und die Leute machen. Diese prinzipielle Offenheit sollte aber gepaart sein mit dem Hinweis, bestimmte Sicherheitstipps und Verhaltensweisen zu befolgen. Das Ziel, hier eine Balance aus Achtsamkeit und Neugier einzuhalten, scheinen wir größtenteils erreicht zu haben.

Die größten Sorgen der Sicherheitsverantwortlichen vor der WM bezogen sich auf die zu erwartenden sozialen Proteste der Bevölkerung, die die enormen Kosten bei gleichzeitigen großen Problemen in der Infrastruktur, dem brasilianischen Schul- und Gesundheitssystem ins Visier nahmen. Auch für uns überraschend waren solche Proteste während des Turniers so gut wie nicht wahrnehmbar. Fanden Demonstrationen statt, war die Anzahl der Teilnehmer/innen sehr gering. Hierfür könnten mehrere Gründe verantwortlich gewesen sein. Zum einen hat sicher die hohe polizeiliche und geheimdienstliche Beobachtung viele Menschen davon abgehalten zu demonstrieren. Zum anderen gelang es gleichzeitig der Protestbewegung offensichtlich nicht, die Einheit der verschiedenen Gruppen, die die Proteste beim Confederations Cup getragen hatten, zu bewahren erhalten. Es war zwar schon zu beobachten, dass sich mit Beginn des Turniers auch die Brasilianer/innen der WM zuwandten, doch war die Stimmung im Land bei Weitem nicht mit der bei vorangegangenen Turnieren zu vergleichen. Bis zum Schluss war bei vielen Menschen in Brasilien eine gewisse Distanz zur WM im eigenen Land zu beobachten.

WM-Freude …

Die deutschen Fans lieferten in Brasilien eine sehr gute Visitenkarte ab. Freundlich, aufgeschlossen und mit Respekt bewegten sie sich durch das Land und berichteten an der Fanbotschaft von vielen positiven Begegnungen mit Brasilianer/innen oder mit Fans aus anderen Ländern.

Banner der Fifa zum Finale

Es hört sich zwar abgedroschen an, aber Fußballweltmeisterschaften sind tatsächlich Veranstaltungen, bei denen sich die gesamte (Fußball-)Welt eingeladen fühlt. Ob das der Fan aus dem Libanon ist, der unbedingt alle Stadien sehen will, die junge Chinesin, die als Fan der deutschen Nationalmannschaft alleine aus Deutschland nach Brasilien gereist ist oder der Frankfurter, der sein Auto nach Montevideo eingeschifft hat und durch Uruguay bis nach Rio zum Finale mit Frankfurter Autokennzeichen unterwegs war – alle bringt der Fußball über vier Wochen zusammen. Eine WM ist kein Fest der Fankultur, wie wir es aus der Bundesliga kennen, sondern sie lebt von den vielen individuellen Fußballverrückten und ihren persönlichen Geschichten.

… und Wermutstropfen

Die positiven Erfahrungen, die die deutschen Fans in den Städten gemacht haben, wurden jedoch vielfach durch die Stadionrealität getrübt. Massive Kritik wurde wieder und wie schon so oft am Ticketverteilsystem der FIFA geübt. Es sind oft die Tickets der Sponsoren, der sogenannten VIPs und der Fußballverbände, die auf dem Schwarzmarkt landen und dort zu überhöhten Preisen angeboten werden. Alleine die Tatsache, dass schon ein Jahr vor Turnierbeginn Tickets verkauft werden, ohne dass feststeht, wer qualifiziert ist, macht deutlich, dass der Fehler im System liegt. Höchstwahrscheinlich ist dies auch die Phase, in der sich die professionellen Schwarzmarkthändler eindecken. Ein weiterer oft geäußerter Kritikpunkt war, dass selbst beim Finale den beiden teilnehmenden Nationalverbände nur acht Prozent der Stadionkapazität zur Verfügung stand. Diese geringe Menge wird der Bedeutung dieses Spiels für die Fans bei Weitem nicht gerecht. Welch ein Missverhältnis in Rio: 150.000 Argentinier/innen sind in der Stadt, und nur etwa 5.000 dürfen offiziell zum Spiel. Alle anderen sind auf extrem überteuerten Schwarzmarkt angewiesen oder auf das glücklicherweise angebotene Public Viewing.

Ein letzter kritischer Aspekt. Die FIFA hat das Ticketing in Alleinverantwortung organisiert, den jeweiligen Fußballverbänden stand nur ein ganz geringer Teil von Eintrittskarten zur Verfügung, den sie für ihre Bedürfnisse benutzen konnten. Bedauerlicherweise hat das System der FIFA die Fans einer Nation im Stadion oft nicht zusammengebracht, sondern auf mehrere Orte verteilt. Viele Fans bedauerten, dass so die Stimmung nicht so gut war, wie sie hätte sein können. Mit einer offiziell ja immer verkündeten Fantrennung aus Sicherheitsgründen hatte das auch nicht viel zu tun.

Die fanunfreundlichen Verhältnisse wurden im Stadion durch die FIFA noch weiter auf die Spitze getrieben. Beim Spiel in Fortaleza wurden durch einen sehr rabiaten Ordner- und Polizeieinsatz im Stadion die Banner der deutschen Fans entfernt, obwohl durch diese keine Werbeaufschriften verdeckt wurden. Dies hatte lautstarke „FIFA raus!“-Sprechchöre zur Folge. Anschließend entschuldigte sich der Weltverband in einem offiziellen Pressestatement bei den deutschen Fans und kündigte an, dass beim folgenden Spiel in Recife die Banner aufgehängt werden dürfen. Doch zur Überraschung aller wiederholte sich genau das Vorgehen von Fortaleza: Ordner, verstärkt durch Polizeikräfte, versuchten das Aufhängen der Banner wieder zu verhindern. Dadurch entstand eine aufgeheizte Stimmung, die absolut vermeidbar gewesen wäre. Bei jedem Spiel waren FIFA-kritische Banner in der deutschen Kurve zu sehen. Wir können feststellen, dass der Weltfußballverband bei den Fans jeglichen Kredit verspielt hat. Bedauerlich aus der Perspektive der Fanbetreuung ist jedoch, dass dies in der Berichterstattung der deutschen Medien nur am Rande eine Rolle spielte. Von vielen deutschen Fans wurde jedoch sehr positiv aufgenommen, dass sich der Generalsekretär des DFB, Helmut Sandrock, in einem Brief an Jerome Valcke, seinen Amtskollegen bei der FIFA für einen fanfreundlicheren Umgang einsetzte. Ob beim Weltverband für die kommenden Turniere ein Umdenken zu erwarten ist? – Wir hoffen es, haben aber unsere Zweifel.